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Grenzen des Massentourismus?

Der Massentourismus agiert oft als isolierter Einzelkämpfer – und schwächt damit die Standortregion: Beispiele aus Tirol und Hermagor

Auszug aus dem Standard (3. November 2019) URL: https://www.derstandard.at/story/2000110625339/30-000-unterschriften-gegen-umstrittene-tiroler-gletscher-ehe:

Seit Wochen kann in den Tiroler Gletscherskigebieten Sölden und im Pitztal trotz des bislang warmen Herbstes auch dank des konservierten und über den Sommer geretteten Schnees bereits über die Pisten gewedelt werden. Touristiker und Seilbahnwirtschaft reicht der Status quo freilich nicht aus: Sie basteln seit Jahren an einer Zusammenlegung der beiden nahe beieinanderliegenden Skigebiete, um Wintersportlern mit einem Ticket mehr Pistenkilometer anbieten zu können. Ein möglicher Zusammenschluss rückt immer näher: In rund einem Monat soll die mündliche Verhandlung der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für das Großprojekt stattfinden. Geplant ist der Bau von gleich drei Seilbahnen im ökologisch höchst sensiblen Lebensraum. Die höchste Gipfelstation des neuen Bauvorhabens ist dabei auf rund 3200 Metern geplant. Auch ein neuer Speicherteich, Infrastruktur für künstliche Beschneiung, 64 Hektar neue Pisten sowie ein Skitunnel sind projektiert. aturschutzorganisationen wie Alpenverein, Naturfreunde und WWF Österreich machen unter der Initiative „Allianz für die Seele der Alpen“ gegen das „naturzerstörerische Megaprojekt“ mobil. „Diese Pläne für die Verbauung unberührter Gletscherwildnis mit energiefressender Infrastruktur sind sinnbildlich für die verfehlte Klima- und Umweltpolitik Österreichs“, sagt Robert Renzler, Generalsekretär des Alpenvereins. Statt einer Expansion der Skigebietsflächen müssten die letzten alpinen Freiräume geschützt werden, lautet die Forderung“.

Warum agiert der Massentourismus wie er agiert? Worin ist eine solche Denk- und Handlungsweise begründet? Gibt es dazu Lösungsansätze?

Schröder (2016) zeigt in ihrer Untersuchung von 34 Seilbahnunternehmen in Tirol, dass die Sichtweise in Bezug auf die regionale Verantwortung, die sogenannte Corporate Regional Responsibility (CRR), mehrheitlich durch Reinvestitionen in das eigene Skigebiet verstanden wird; d.h. primär nur monetär motiviert ist.

Für einige der befragten Skigebiete endet die Verantwortung für die Standortregion (CRR) an der Grenze des eigenen Skigebietes oder an der Gemeindegrenze. Eine sehr geringe Bedeutung haben bei solchen Entscheidungen die Dimensionen Bodenerosion, Klimawandel, Artenvielfalt und Biodiversität. Genau dies sind jedoch die zentralen Themen der Zukunft.

Wahrnehmung von Seilbahnakteuren auf die Standortregion, Schröder 2016.

Diese problematische Sichtweise auf harte Faktoren der Regionsentwicklung von Seilbahnunternehmen auf die Standortregion, führt deshalb immer wieder zu Konflikten.

Es gelingt dem Massentourismus bisher nicht mit der lokalen Bevölkerung zu kooperieren. Die beteiligten Stakeholder wie Skigebiet, Gemeinde und Investoren sehen sich als Einzelkämpfer. Veraltete Denk- und Handlungsmuster, basierend auf Machterhalt und Prestige, prägen die Beziehungen.

Beispiel Hermagor und die Skiarena Nassfeld

Auch im Bezirk Hermagor ist es so, dass ein erheblicher Teil der Ressourcen auf das Nassfeld Skigebiet fokussiert wird. Viele kleine Dörfer und Gemeinden fühlen sich von einer solchen Strategie ausgeschlossen. Sie können dadurch nicht Profitieren und sehen daher wenig Perspektive. Immer wieder kommt es zu Machtkämpfen. Es gilt diese veralteten Denkmuster zu verlassen, da sie den lokalen Strukturen schaden!

Dazu zwei Expertenaussagen aus meiner Disseration S. 448 ff:

„Ich glaube im Tourismus sind wir super aufgestellt. Wenn ich die NLW hernehme, die ist im Österreichranking ganz weit oben. Wir haben heuer, trotz dieser miesen Saison – die Kärnten heuer so sehr belastet hat – eine Steigerung in der Region. Die sind ja gut unterwegs. Ich sage ja nur, dass wir noch stärker werden müssen. Wir können uns nicht nur auf das Nassfeld fokussieren. Das ist super! Wir müssen uns aber fokussieren auf die gesamte Region“.

„Weil jeder der Meinung ist, der andere tut nichts für uns. Der andere sieht sich nur selber an. Das Lesachtal meint sicher, dass sie selber Werbung machen müssen, damit sie ihre Betten voll bekommen. Wenn man nur beim Karnischen Tourismusverband dabei wäre, dann sind nur die Betten am Nassfeld voll“.

Zusammenfassung

Der Massentourismus, und hier konkret große Skigebiete, sehen ihre Verantwortung gegenüber der lokalen Bevölkerung und gegenüber ihrem Standort als nachrangig an. Laut den diskutierten Quellen endet die Verantwortung für die Standortregion an der Grenze des Skigebietes oder bestenfalls an der Gemeindegrenze. Im Fokus steht der Faktor Wachstum, und dies um jeden Preis, wie das Beispiel aus Tirol zeigt. Kooperationen in der Region werden nicht gesucht. Man sieht sich als Einzelkämpfer und agiert dementsprechend. Aktuelle Debatten um Klimawandel, Bodenerosion, Artenvielfalt und Biodiversität spielen im Massentourismus eine sehr untergeordnete Rolle. Skigebiete sind für ländliche Regionen wirtschaftlich oft die letzten Wachstumsmotoren. Diese Macht nutzt man nach dem Motto: „Wer zahlt schafft an!“ aus.

Es gäbe jedoch Erfolgsfaktoren für Tourismus- und Gemeindekooperationen mit der lokalen Bevölkerung. Eine der wichtigsten Aufgaben von Schlüsselakteuren eines erfolgreichen Stakeholder- und Kooperationsmanagements ist es, alle relevanten Akteure einer Tourismusregion zusammenzuführen. Die größte Herausforderung dabei ist, Vertrauen und ein gemeinsames Problembewusstsein zwischen allen Beteiligten zu erzeugen. Vorbilder, Empathie, hohe soziale Kompetenz, ein Gemeinwohldenken, ein hohes Maß an Solidarität in den Entscheidungen und ein wirtschaftliches Tourismuskonzept, dass allen Gemeinden und Dörfern Chancen bietet; So könnte ein möglicher Ansatz aussehen! D.h., dass am Beginn einer Zusammenarbeit immer die „weichen Faktoren“ der Regionsentwicklung in den Vordergrund zu stellen sind. Von einem solchen Verständnis und Ansatz ist der Massentourismus vieler Orts noch weit entfernt!

Weitere Aktivierungsvorschläge und Lösungsansätze für eine solche Problematik sind in meiner Dissertation zu finden S. 446 ff.

Literatur

Schröder, Verena (2016): Corporate Regional Responsibility. In: ÖGG Ausgabe 29 III/2016

Zametter, Thomas Friedrich (2004): Regionalwirtschaftliche Bedeutung eines Skigebietes – Demonstriert am Beispiel der Skiarena Nassfeld Hermagor. Diplomarbeit. Institut für Raumplanung und Regionalentwicklung. WU-Wien.

Zametter, Thomas Friedrich (2017): Entwicklungspotentiale peripherer Regionen im Alpen-Adria Raum: Diskutiert am Fallbeispiel Politischer Bezirk Hermagor. Fakultät für Wirtschaftswissenschaften; Geografie und Regionalforschung. Dissertation. Alpen-Adria Universität Klagenfurt.

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