Zum Inhalt springen

Aktuelle Entwicklungstendenzen in der kleinstrukturierten Landwirtschaft – ein Zweifrontenkrieg

„Der Kleine Bauer, der keine Chance gegen die Macht des Kapitals hat und untergeht“. Peter Rossegger (1889)

Immer häufiger sieht man in den diversen Medien (Zeitungen, Onlineberichten, oder Social Media), dass Bauern in Österreich aber auch innerhalb der gesamten Europäischen Union (EU) mit den aktuellen Produktions- und Absatzbedingungen ihrer Erzeugnisse unzufrieden sind. Aktuell verstärkt sich die Präsenz dieses Themas, da die neue Periode in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) ansteht. Seit Jahren kann registriert werden, dass immer mehr kleinstrukturierte Betriebe aufgeben oder in den Nebenerwerb wechseln, was meist eine Vorstufe zur Einstellung des Betriebes darstellt. Die Jungen sehen in dieser Branche wenig Perspektive. Viele verlassen den ländlichen Raum in Richtung Zentrum, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Jene die bleiben, unterliegen einem weiteren Druck, nämlich dem Zwang zu kontinuierlicher Vergrößerung des Betriebes. Dies ist darin begründet, dass über die höhere Produktion die Fixkosten besser aufgeteilt werden können (Fixkostendegression), da mit der Agrarindustrie und mit dem Freihandel direkt konkurriert werden muss. Für Politik und Wirtschaft eine sinnvolle Strategie, da dies zu einem „erzwungenen & aufgedrängten“ Wachstum und damit niedrigerer Einkaufspreise führt. Gerne wird dafür das „Bauernsterben“ in Kauf genommen. Ziel der Industrie und des Handels ist es, möglichst hohe Gewinne zu erzielen. Dies wird damit realisiert, indem dem Produzenten möglichst wenig gezahlt wird. Im Handel gibt es den Spruch: „Im Einkauf liegt der Gewinn“. Diese Devise findet sich aktuell in vielen Lebensmittelketten wieder. Es herrscht keine faire Beziehung zwischen Politik, Wirtschaft & Handel mit der kleinstrukturierten Landwirtschaft. Die kleinstrukturierte Landwirtschaft befindet sich aktuell in einem Zweifrontenkrieg den sie ceteris paribus, d.h. mit den bereits etablierten Mitteln, nicht gewinnen kann.

Beispiel 1: Preisdumping Supermarkt

 „Ein dicker Packen liegt im Postkasten: die Wochenangebote der Supermarktketten. „Minus 25 Prozent auf ALLES Frischfleisch in Bedienung“, prangt auf Seite eins des Interspar-Prospekts. Billiges Huhn (aus Österreich) und günstige Putenbrust (unbekannter Provenienz, 5,99 statt 7,99 Euro) hat auch Konkurrent Billa auf seiner Titelseite und verkündet außerdem: „Billa senkt die Preise für Obst und Gemüse.“ Penny verkauft den Sack heimischer Erdäpfel um minus 28 Prozent, heißt um 49 Cent pro Kilo. Und Merkur gibt Schweinsschnitzelfleisch um 5,49 statt 9,99 Euro her. Slogan: „So macht man sich Freunde.“ Zitiert aus dem Falter, 44/19 (29.10.2019)

Beispiel 2: Liberalisierung des Milchpreises

Ein aktuelles Beispiel zur Thematik Freihandel ist die Abschaffung der Milchquote per 1. April 2015. Es profitieren bei einer solchen Liberalisierung des EU-Milchmarktes nicht die kleinen Bauern wie man heute 4 Jahre später unschwer erkennen kann. Agrarindustrie und Großbetriebe fällt eine entsprechende Anpassung wesentlich leichter. Diese haben die notwendigen Kapazitäten um immer billiger produzieren zu können. Konzerne haben ebenso mehr Marktmacht, d.h. sie können den Preis für die Abnahme der Milch von den Zulieferern leicht anpassen. Die kleinen Bauern geben dadurch mehr und mehr auf, und es bildet sich ein Monopol. Die Existenzgrundlage für periphere Regionen, gerade auch im Kontext des Tourismus und der Produktion regionaler Produkte, verschwindet zunehmend. Girtler (2002:9) schreibt in Anlehnung an Peter Rossegger (1889) dazu folgendes: „Der Kleine Bauer, der keine Chance gegen die Macht des Kapitals hat und untergeht“.

EU-Landwirtschaftskommissar Hogan (seit 2014) äußerte sich zum Fall der Milchquote und sagte: „Das Ende der Milchquotenregelung ist sowohl eine Herausforderung als auch eine Chance für die Union. Eine Herausforderung insofern, als eine ganze Generation von Milcherzeugern mit völlig neuen Lebensumständen konfrontiert sein wird und lernen muss, mit den Volatilitäten des Marktes zu leben. Aber das Ende der Milchquotenregelung bietet sicher auch eine Chance für Wachstum und Beschäftigung“.

Gerade diese Sichtweise ist höchst problematisch. Sie wird immer stärker dazu führen, dass der Leistungsdruck auf die kleinen Landwirte noch weiter steigen wird. Dies wiederum führt zu einer schlechteren Qualität der produzierten Produkte, zu steigenden Umweltbelastungen und zu einer noch stärkeren Abhängigkeit der Landwirte von Förderungen. Eigentlich genau das Gegenteil das erreicht werden sollte!

Aktuelle Entwicklungen im Bezirk Hermagor

Zwischen 2001 und 2018 verliert der Bezirk Hermagor 190 Hauptbetriebe (20%), oder anders ausgedrückt in dieser Periode schließen rund 12 Betriebe im Durchschnitt pro Jahr, oder gehen in den Nebenerwerb. Angesichts der Wichtigkeit kleinstrukturierter bäuerlicher Betriebe für die Aufrechterhaltung der Kulturlandschaft, den Tourismus oder die Erbringung von Versorgungsleistungen für die Zentren ein alarmierender Wert.

Quelle: Eigene Darstellung, Daten Landesregierung Kärnten
Quelle: Eigene Darstellung, Daten Landesregierung Kärnten

Am Stärksten verlieren beispielsweise die Gemeinden Hermagor (-47 Hauptbetriebe) und das Lesachtal (-34 Hauptbetriebe). In der Gemeinde Hermagor beenden viele Bauern den Hauptbetrieb, da sie in den Tourismus wechseln. Die Gemeinde Hermagor ist der Hauptprofiteur des regionalen Skigebietes, der Skiarena Nassfeld mit über 700.000 Besuchern. Die Arbeit als Vermieter ist wesentlich leichter und profitabler als die Arbeit als Landwirt. Die Gebiete in der Stadtgemeinde werden von Bauern aus den angrenzenden Gemeinden bewirtschaftet. In der Gemeinde Lesachtal ist die starke Reduktion der Betriebe dadurch zu erklären, dass die Bewirtschaftung von Berggebieten, bzw. von „Less-favoured Areas“ noch mühsamer und kostenintensiver ist. In Berggebieten ist mit vermehrten Schließungen zu rechnen. Gerade für das Lesachtal ist dies problematisch, da es sich als sogenanntes „Naturbelassenste Tal Europas“ bezeichnet. Die Gäste und Besucher erwarten eine intakte landwirtschaftliche Struktur und Produktion.

Ausgewählte mögliche Entwicklungsstrategien

Eine Spezialisierung z.B. in Richtung Biobetrieb, da höhere Absatzpreise möglich sind, ist nur für einige Bauern sinnvoll. Gerade jene, die im Bezirk Hermagor vor ein paar Jahren neu gebaut haben und sich auf die herkömmliche Milchproduktion spezialisiert haben, würde sich ein Umstieg nicht zwingend lohnen. Es wird auch in Zukunft einen Markt für herkömmliche Milch geben.

Porter (1998) zeigt mit seinem Konzept der Nischenökonomie auf, dass eine Spezialisierung sinnvoll sein kann für Unternehmen mit einem geringen Marktanteil. Auch die Strategie des Generalisten kann zum Erfolg führen, immer dann, wenn dieser über große Marktanteile verfügt, bzw. durch Standardisierung mit geringeren Kosten produzieren kann. Betriebe zwischen Standardisierung und Spezialisierung, d.h. im Szenario „stuck in the middle“ sind zu klein um Standardisierung zu betreiben und zu groß für einen kleinen Nischenmarkt. Diese Betriebe müssen sich für eine Seite entscheiden, oder sie werden aus dem Markt verdrängt.

Quelle: Eigene Darstellung, Wettbewerbsstrategien nach Porter (1998:21ff)

Hierzu noch eine Expertenaussage aus meiner Dissertation: „Schauen wir uns die Struktur der Betriebe an. Es geht darum, dass der Landwirt im Gailtal sagt, ich gehe den einfacheren Weg. Die Milch gebe ich der Molkerei, die holt sie jeden Tag ab und ich bekomme das Geld“. Eine Spezialisierung, bzw. eine Erweiterung der Angebotspalette in Form von Veredelung der Produkte, könnte deshalb durchaus auch sinnvoll sein. Sinabell schreib in einem Zeitungsartikel der Presse am 1.3.2016 folgendes: „Es ist überraschend, dass sich die Segmente mit hoher Qualität so viel besser halten“, so der Wifo-Ökonom.

Fazit

Die Entwicklungen in der Landwirtschaft in den letzten Jahren und Jahrzehnten sind immer stärker zu Gunsten der Agrarindustrie ausgefallen. Politik und Wirtschaft trauen es der kleinstrukturierten traditionellen Landwirtschaft nicht zu, die Bevölkerung stabil versorgen zu können. Daneben existiert im Hintergrund eine starke Lobby der Agrarindustrie, welche nicht mit den kleinen Bauern kooperieren möchte. Die Liberalisierung des Milchpreises ist ein solches Beispiel welches zeigt, dass der kleine Bauer davon keinen Nutzen hat. Aktuell kämpft die traditionelle Landwirtschaft in einem Zweifrontenkrieg, den sie nicht gewinnen kann. Auch die Politik wird nicht einschreiten. Das Bauerntum, einer der ältesten Stände in Österreich, erodiert.

Die aktuellen Strategien der kleinen Landwirte führen zu keinen überlebensfähigen Einnahmen. Die Milch wird produziert und direkt an die Molkereien geliefert. Diese benötigen wiederum den Handel (Billa, Spar etc.), um einen Absatzmarkt zu erhalten. Die Produkte werden nicht nur in Österreich, sondern auch nach Norditalien und Süddeutschland geliefert. Somit ist man ebenso vom Ausland und der dortigen Nachfrage abhängig. Der Konsument würde gerne ein wenig mehr für regionale Produkte zahlen, jedoch gibt der Handel diesen Umstand nicht an den Produzenten weiter.

Es gäbe jedoch Strategien, die in einem solchen Umfeld helfen. Es gilt eine kritische Betriebsgröße nicht zu überschreiten, die Fixkosten gering zu halten, Produkte vor Ort zu veredeln, im Dorf zu kooperieren z.B. in Form der gemeinsamen Nutzung von Maschinen und Gebäuden, neue Bereiche am Hof aufzubauen wie z.B. Green Care, Schulungen vermehrt zu besuchen um gefestigte Denkmuster zu hinterfragen, neue Technologien einzusetzen, und lokal einen unabhängigen und solidarischen Markt aufzubauen. Es braucht neue Ansätze, um aus der Krise zu kommen. Nicht die Politik oder überregionale Handelsverflechtungen sollten im Vordergrund solcher Überlegungen stehen, da diese aktuell keine Partner auf Augenhöhe sind. Im Fokus müssen die Region und der lokale Markt stehen. Die traditionelle Landwirtschaft muss sich neu erfinden, damit der Status Quo verlassen werden kann.

Weitere Strategien und Beispiele aus anderen peripheren Regionen des Alpen-Adria Raumes in meiner Dissertation.

Literatur

Zametter (2017): Entwicklungspotentiale peripherer Regionen im Alpen-Adria Raum. Diskutiert am Fallbeispiel Politischer Bezirk Hermagor. URL: https://www.ktn.gv.at/299934_DE-Wissenschaftsstipendium-Preistraeger_2014  

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.