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Wachsende Städte & schrumpfende ländliche Räume – Eine stetig zunehmende Gefahr

Immer wieder veröffentlicht die ÖROK, die Österreichische Raumordnungskonferenz mit Sitz in Wien Bevölkerungsprognosen gemeinsam mit der Statistik Austria. Die nachfolgenden Daten beziehen sich auf die aktuelle, im Jahr 2019, veröffentlichte Prognose bis ins Jahr 2040.

Der Mehrwert solcher Hochrechnungen und Schätzungen liegt darin, dass bereits heute von Seiten der Politik reagiert werden kann. Der ÖROK Homepage ist dazu zu entnehmen: „Damit bilden die Ergebnisse verschiedener Prognosen mögliche Entwicklungspfade auf Basis der jeweils spezifischen Grundlagen ab, womit in der praktischen Anwendung der Ergebnisse (z.B. für Infrastrukturplanungen) eine Bandbreite möglicher künftiger Entwicklungen sichtbar wird“.

Die Bevölkerungsveränderung ist eine der wichtigsten Komponenten im Rahmen der regionalen Entwicklung. Die Demographie wird zum entscheidenden Standortfaktor.

Der Wirtschaftsdienst der Europäischen Union stellt dazu fest: „Denn es gibt zahlreiche Zusammenhänge zwischen demografischer und regionalökonomischer Entwicklung. Das Bevölkerungswachstum und die altersstrukturelle Zusammensetzung der Bevölkerung beeinflussen die Ökonomie über zahlreiche Wirkungskanäle, wie beispielsweise die regionale Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, die Bedingungen für die Bereitstellung von Infrastruktur (Schulen, kulturelle Einrichtungen etc.) und die Immobilienmärkte. Von hoher Relevanz sind die demografischen Bedingungen zudem für den Arbeitsmarkt, weil die Bevölkerungsgröße und ihre Struktur relevant für das qualitative und quantitative Arbeitsangebot sind“.  Quelle: https://archiv.wirtschaftsdienst.eu/jahr/2011/4/schrumpfende-regionen-probleme-und-chancen/

Im Nachfolgenden möchte ich die von der ÖROK publizierten Daten in Hinblick auf die Bevölkerungsentwicklung Kärntens und des Bezirkes Hermagor darstellen. Die Daten werden entnommen aus: ÖROK (2019): Kleinräumige Bevölkerungsprognose Österreich 2019 bis 2040. URL: https://www.oerok.gv.at/fileadmin/Bilder/2.Reiter-Raum_u._Region/2.Daten_und_Grundlagen/Bevoelkerungsprognosen/Prognose_2018/Bericht_BevPrognose_2018.pdf

Zu den Zahlen

Die Regionen mit den stärksten Bevölkerungsverlusten in Österreich finden sich einerseits im Waldviertel und in der obersteirischen Mur-Mürzfurche, andererseits in Kärnten abseits des Zentralraumes. Es sind peripherere Regionen mit schwächerer Wirtschaftsstruktur, die unter stärkerer Abwanderung und Geburtendefiziten zu leiden haben.

In insgesamt vier Bezirken sollte die Bevölkerungszahl bis 2040 um 10% oder mehr sinken, und zwar in Wolfsberg (-10%), Spittal an der Drau (-10,5%), Hermagor (-12,9%) und Murau (-14,8%). Bis 2040 wird die Einwohnerzahl Kärntens um 2,3%, von 561.000 auf 548.000 sinken.

Kärnten weist zwar wie alle Bundesländer eine positive Außenwanderungsbilanz aus, die Summe aus Binnenwande-rungsverlusten und Sterbefallüberschüssen ist jedoch höher als der internationale Wanderungsgewinn.

Stark sinkend ist die Bevölkerungszahl der unter 20-Jährigen in den periphereren Abwanderungsregionen Österreichs wie Murau (-16,1%), Osttirol (Bezirk Lienz, -15,2%), in Spittal an der Drau (-14,0%), Tamsweg (-13,7%), Wolfsberg (-12,6%), Leonfelden (-11,9%) und Hermagor (-10,6%).

In Summe sind es 21 der 122 Prognoseregionen Österreichs, wo bis 2040 ein Rückgang der unter 20-jährigen Bevölkerung von mehr als 5% prognostiziert wird.


Die Veränderung 2018 bis 2040 der Bevölkerung im Alter von 20 bis 64 Jahren ergibt einen hohen prognostizierten Rückgang des Erwerbspotenzials. An vorderer Stelle steht wiederum der steirische Bezirk Murau mit -32,0%, gefolgt von weiteren Bezirken der Steiermark, Kärntens, des Waldviertels sowie dem Lungau. Gemeinsam ist diesen Prognoseregionen, dass hier der erwartete Rückgang der 20- bis 64jährigen Bevölkerung mehr als 20% beträgt.

Regional differenziert ist bis 2040 nur in der Landeshauptstadt Klagenfurt und in der Stadt Villach mit einem Bevölkerungswachstum zu rechnen. In allen anderen Bezirken Kärntens wird die Bevölkerungszahl bis 2040 teilweise beträchtlich zurückgehen. Klagenfurt wird mit 10,3% ein deutliches Bevölkerungswachstum erleben. Hauptverantwortlich dafür sind in erster Linie die Binnenwanderungsgewinne, in zweiter Linie auch der Außenwanderungssaldo. Sogar die Geburtenbilanz ist in Klagenfurt – im Gegensatz zu allen anderen Prognoseregionen Kärntens – leicht positiv.

Das Bevölkerungswachstum Villachs von 5,3% ist nahezu allein die Folge der internationalen Wanderungsgewinne. Der leichte Binnenwanderungsüberschuss wird durch die negative Ge-burtenbilanz mehr als kompensiert.

Alle anderen acht Bezirke werden künftig sowohl negative Geburtenbilanzen als auch Binnenwanderungsverluste verzeichnen. Nur im Bezirk Klagenfurt Land werden diese beiden negativen Bilanzen durch die internationalen Wanderungsgewinne nahezu kompensiert, sodass das Klagenfurter Umland 2040 bloß um 0,7% weniger Einwohner zählen wird als 2018. In den restlichen sieben Bezirken des Landes kann die internationale Zuwanderung die negati-ven Geburten- und Binnenwanderungssalden nicht kompensieren, diese Regionen werden somit mit Bevölkerungsverlusten konfrontiert sein. Am stärksten fällt der prozentuelle Rückgang bis 2040 im Bezirk Hermagor mit -12,9% aus, am schwächsten (neben Klagenfurt Land) im Bezirk Villach Land mit -3,0%.

Fazit

Der Bezirk Hermagor gehört zu jenen Bezirken in Österreich, welche am Meisten an Bevölkerungen verlieren werden. Zwischen 1971 und 2012 verliert die Region 1973 Einwohner oder 9,5%. Dies sind beispielsweise um 400 Einwohner mehr, als die gesamte Gemeinde St. Stefan im Gailtal aktuell an Bewohnern verzeichnet. Bis 2040 folgen prognostizierte weitere -12,90% oder 2350 Einwohner (bezogen auf den Stand der Bevölkerung vom 1.1.2019). In Summe verliert Hermagor im Betrachtungszeitraum 4323 Einwohner. Dies sind um fast 1000 Menschen mehr als die gesamte Gemeinde Kötschach-Mauthen aktuell an Einwohnern verzeichnet.

Dies wird nicht ohne Konsequenzen bleiben. Es wird immer schwerer werden Arbeitskräfte zu finden. Firmen können sich demnach schwerer weiterentwickeln oder ansiedeln. Die Rückwanderung in die Heimat wird dadurch enorm verkompliziert, da das Erwerbspotential davon ebenfalls mitbetroffen ist. Die Zuweisungen von Bund und Land, orientiert am Bevölkerungsschlüssel, reduzieren sich. Investitionen in Infrastruktur und Daseinsvorsorge müssen gesenkt werden. Es wird für den Bezirk immer schwerer werden, der verbleibenden Bevölkerung und vor allem der Jugend nur annährend gleichwertige Lebens- und Zukunftschancen zu bieten. Eine Polarisierung tritt in Kraft. Die sozio-ökonomischen Entwicklungsunterschiede zu starken Regionen wie dem Kärntner Zentralraum werden immer deutlicher. Auch wenn es sich bei den Zahlen (2019-2040 & 2060) um Schätzungen handelt, so spricht doch viel dafür, dass dieses Szenario eintreten könnte. Die moderne Dienstleistungsgesellschaft, die Wissensökonomie und die Zunahme wissensintensiver Berufe finden eher in Städten statt, da in der Peripherie dafür bisher keine Strukturen geschaffen wurden. Es gibt eine Reihe raumrelevanter Zukunftstrends, die in der Tendenz eine stärkere Ballung der Bevölkerung und der Arbeitsplätze in urbanen Regionen erwarten lassen.

Problematisch ist der Verlust an Jungen Bevölkerungsgruppen, da diese unsere Zukunft wieder spiegeln. Die Prognosen der ÖROK bis zum Jahr 2060 zeigen ein heikles Bild für Oberkärnten: –3978 Junge Personen, Unterkärnten –3883 Junge Personen, Osttirol -2312 Junge Personen.

Eigene Darstellung; Quelle: ÖROK

Eine Umkehr dieser Entwicklung ist aktuell nicht erkennbar. Die von der Regionalpolitik gesetzten Maßnahmen sind bisher zu gering, als dass diese einen Einfluss auf die Entwicklung haben. Es wird dem Thema zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet und dies auf allen Ebenen wie EU, Bund, Land und Bezirk. Es ist kurz vor knapp um hier aktiver zu werden. Man ist sich zwar einig, dass man die Abwanderung stoppten muss, aber danach fehlen die Ressourcen und die konkreten Projekte. Ebenso finden sich gegenseitig schadende Startegien in der Regionalpolitik statt. Das EUREK, d.h., dass Europäische Raumentwicklungskonzept, fördert zu stark die Städte und Metropolregionen. Diese wiederum ziehen den ländlichen Regionen Entwicklungspotentiale ab. Es kommt zu einem negativen Nettoeffekt aus Nutzen und Kosten, zu Lasten der Peripherie. Diese Strategie ist dem aktuell vorherrscheden Wachstumsdogma geschuldet. Wachstum um jeden Preis! Zielführender und demokratischer wäre eine Regionalpolitik auf Ausgleich der Entwicklungsunterschiede.

Strategien dazu in meiner Doktorarbeit.

Zametter (2017): Entwicklungspotentiale peripherer Regionen im Alpen-Adria Raum: Diskutiert am Fallbeispiel Politischer Bezirk Hermagor. Dissertation. Alpen-Adria Universität Klägenfurt. Fakultät für Wirtschaftswissenschaften. Geographie und Regionalforschung.

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