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Weltagrarbericht: Vorschläge für eine Landwirtschaft von morgen

Eine Diskussion mit Handlungsempfehlungen von Mag. Dr. Thomas Zametter

Seit Jahren schließen in Kärnten viele landwirtschaftliche Betriebe aus Kostengründen oder gehen in den Nebenerwerb, was eine Vorstufe davon darstellt. Die Branche bietet wenig Perspektive. Die Jungen wandern in Richtung Zentrum ab und versuchen ihr Glück dort. Die Agrarstrukturerhebung 2016 weist für Kärnten 17475 land- und forstwirtschaftliche Betriebe aus. Gegenüber dem Jahr 2010 ist dies ein Minus von 4% bzw. 699 Betriebe. Dies bedeutet, dass in Kärnten über 116 Betriebe pro Jahr im Schnitt schließen. Für Österreich gesamt kann ein Minus von 11341 Betrieben oder 7% erhoben werden. Dies bedeutet ein durchschnittliches Absinken von 1890 Betrieben pro Jahr. Überwiegend handelt es sich dabei um Familienbetriebe.

Eigene Darstellung. Daten Land Kärnten

Jene Bauern die bleiben, den Betrieb weiterführen, unterliegen einem kontinuierlichen Druck, nämlich dem Zwang zu ständiger Vergrößerung des Betriebes. Dem Weltagrarbericht S.21 kann dazu entnommen werden: „Für die Agrarpolitik, ihre internationalen Institutionen und auch für die private und öffentliche Forschung waren Subsistenz- und Kleinbauern jahrzehntelang nur rückschrittliche „Auslaufmodelle” einer vorindustriellen Wirtschaftsweise. „Wachse oder weiche!” lautete mit wenigen Ausnahmen seit über 50 Jahren das kapitalistische wie sozialistische Fortschritts-Credo“.

Weiter ist zu entnehmen: „Nur größere wirtschaftliche Einheiten seien imstande, durch moderne und rationalisierte Anbaumethoden, in erster Linie durch erhöhten Chemie- und Maschineneinsatz, jene globale Produktionssteigerung zu erbringen, die zur Ernährung einer rapide wachsenden Weltbevölkerung erforderlich sei“. Hier kommt es aber nach und nach zu einem Paradigmenwechsel. Immer mehr Menschen verstehen, dass eine solche Landwirtschaft zumindest in unseren Breitengraden kein Zukunftspotential aufweist. Auch der Weltagrarbericht S. 22 spricht von einer sogenannten „Tretmühle“: „Die Produktion steigt, die Erzeugerpreise sinken. Auf dem Markt überleben die Betriebe, die durch Rationalisierung, Erweiterung oder Standortvorteile der Konkurrenz einen Schritt voraus sind. Ist ihr Vorsprung aufgebraucht, beginnt auch für sie die nächste Runde. Ein Ende dieser Tretmühle ist nicht vorgesehen. Je globaler der Markt, desto schneller das Tempo und desto unüberschaubarer das Spiel für den Einzelnen“.

Laut Einschätzung des Berichtes S. 22 könnte die globale kleinstrukturierte Landwirtschaft 10-14 Milliarden Menschen mit Lebensmitteln versorgen. Gerade in Zeiten des Klimawandels, erweist sich die Großtechnik in der Landwirtschaft als Sackgasse. Viele Kleinbetriebe können rascher auf Veränderungen reagieren und sich anpassen. Innovationen finden lokal statt, was zu strategischen Vorteilen führen könnte. Der Weltagrarbericht stellt dazu weiter fest S. 22: „Diversifizierte, kleinbäuerliche Höfe stellen den Löwenanteil der weltweiten Landwirtschaft. Auch wenn Produktivitätszuwächse in spezialisierten Großbetrieben mit hohem Input schneller erreicht werden können, liegt der größte Spielraum zur Verbesserung von Existenzgrundlagen und von Gerechtigkeit in den kleinteiligen und vielfältigen Produktionssystemen. Dieser kleinbäuerliche Sektor ist hoch dynamisch und reagiert schnell auf veränderte natürliche und sozioökonomische Rahmenbedingungen, denen er sein Produktangebot besonders auch durch Steigerung der Produktion bei steigender Nachfrage anpasst.”

Genau diese Stärke müsste aktuell in Kärnten und innerhalb der EU viel stärker zum Tragen kommen. Die aktuelle Strategie, d.h. der aufgezwungene Druck von außen zur Weiterentwicklung basierend auf dem Dogma der Fixkostendegression, bewirkt zwar eine gewisse Modernisierung der Betriebe, jedoch ist die Art der Steuerung und Motivation falsch und wenig zielbringend. Diese Strategie führt, wie gezeigt, zu keiner nachhaltigen Weiterentwicklung der landwirtschaftlichen Betriebe, sondern zu vermehrten Schließungen. Ein entscheidender Punkt, nämlich dass vorhandene Innovationspotential, aktiviert durch ein Ansprechen der „intrinsischen“ Motivation, wird nicht genutzt. Ansätze bzw. Anreize zur Kooperation und zum Netzwerkaufbau fehlen weitgehend. Das aktuelle Landwirtschaftsmodell nutzt das regionale Innovationspotential zu wenig und ist deshalb aktuell nicht zukunftsfit. Folgende Punkte müssten stärker als bisher betont werden, um die kleinstrukturierte Landwirtschaft vor Ort zu modernisieren:

– Moderne zukunftsorientierte Höfe – Hochwertige Lebensmittel (Nährwert statt Mehrwert – siehe Weltagrarbericht) – Vielfältig ausgerichtete Strukturen – Ökologisch, nachhaltige Anbaumethoden – Moderne und umweltschonende Verteilungssysteme – Hohe Tierschutzstandards – Förderung der Aus- und Weiterbildung – Bildung von Innovationsnetzwerken – Stärkere Förderung qualitativer Maßnahmen

„Wo Kleinbauern genügend Land, Wasser, Geld und Handwerkszeug haben, produzieren sie einen deutlich höheren Nährwert pro Hektar als industrielle Landwirtschaft, in der Regel mit erheblich niedrigerem externen Input und geringeren Umweltschäden, so der Weltagrarbericht S. 23“.

Viel Arbeit ist noch zu tun. Jedoch ist Potential vorhanden, auf dem aufgebaut werden könnte. Dieses muss aber viel stärker als bisher aktiviert werden, sollte dieser Landwirtschaftstyp überleben wollen.

Quelle: Symbolfoto Pixabay cc Lizenz

 Quelle: Weltagrarbericht: https://www.weltagrarbericht.de/fileadmin/files/weltagrarbericht/Neuauflage/WegeausderHungerkrise_klein.pdf

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