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Selbstversorgungsgrade in der Landwirtschaft Österreichs

Darstellung, Analyse und Ausblick

Die nachfolgenden Daten beziehen sich auf eine Untersuchung des Bundesministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus, Bearbeitungsstand 18.10.2019. Hintergrund der Erstellung des Dokuments ist die kommende GAP Strategieperiode 2021-2027 und die geplante strategische Ausrichtung Österreichs im Sektor der landwirtschaftlichen Produktion. In welchen Bereichen gibt es Handlungsbedarf?

Gerade im Zuge der Covid-19 Krise und den bisherigen Erfahrungen wird deutlich, dass ein hoher Grad an Selbstversorgung logisch erscheint. Des weiteren stützen Maßnahmen der lokalen Lebensmittelproduktion die Entwicklung ländlicher Gebiete und geben dieser Raumkategorie eine Zukunftsperspektive. Stärker noch als bisher muss eine solche strategische Ausrichtung erfolgen.  Nur ein prosperierender ländlicher Raum in Kombination mit modernen Zentren führt zu einer gesamtwirtschaftlich stabilen Entwicklung in Österreich. Sämtliche Teilräume des Staatsgebietes gilt es zu entwickeln, damit die Zukunftschancen der Bürger*innen insgesamt sich nicht regional allzu groß unterscheiden.

Was ist Ernährungssicherheit?

Ernährungssicherung ist dann gegeben, wenn alle Menschen (eines Landes, einer Region) jederzeit Zugang zu ausreichend sicherer und nahrhafter Ernährung haben, um ein gesundes und aktives Leben zu führen (World Food Summit, 1996; Babinsky & Grede, 2017).

Es gibt drei Grundvoraussetzungen für Ernährungssicherung, welche für alle Menschen erfüllt sein sollten (Babinsky & Grede, 2017):

Verfügbarkeit von Nahrung (Ausreichende Menge an Lebensmittel)

Zugang zu Nahrung (Ausreichende Ressourcen zum Erwerb adäquater   Nahrungsmittel)

Verwendung von Nahrung (Adäquater Einsatz basierend auf dem Wissen um Ernährung und Versorgung sowie Zugang zu Wasser und Sanitärversorgung)

Wie hoch sind die Selbstversorgungsgrade in Österreich?

Der Selbstversorgungsgrad (SVG) gibt das Verhältnis von 𝐸𝑟𝑧𝑒𝑢𝑔𝑢𝑛𝑔 𝑖𝑚 𝐿𝑎𝑛𝑑/𝑉𝑒𝑟𝑤𝑒𝑛𝑑𝑢𝑛𝑔 𝑖𝑚 𝐿𝑎𝑛𝑑 in Prozent an. Ein SVG von mehr als 100 % bedeutet, dass innerhalb des Landes mehr von diesem Produkt erzeugt als verwendet wurde, daher kann von Export gesprochen werden. Ist der SVG jedoch geringer als 100 %, bedeutet dies, dass innerhalb des Landes mehr von diesem Produkt verwendet als erzeugt wurde, daher kann von Import gesprochen werden.

Quelle: Versorgungsbilanzen Statistik Austria 2018

 Für das Jahr 2017/18 ergeben sich auszugsweise folgende Werte:

Export (> 100 %)

Pflanzliche Produkte: Kartoffelstärke (213 %), Hartweizen (132 %), Erbsen (119 %), Zwiebel (119 %), Spinat (102 %)

Tierische Produkte: Konsummilch (164 %), Rind, Kalb (142 %), Obers, Rahm (109 %), Schwein (102 %), Käse (101 %)

Import (< 100 %)

Pflanzliche Produkte: Getreide gesamt (86 %), Kartoffeln (80 %), Gemüse gesamt (56 %), Ölsaaten gesamt (48 %), Obst gesamt (40 %), pflanzliche Öle (27 %)

Tierische Produkte: Eier (87 %), Butter (73 %), Geflügel gesamt (71 %), Honig (45 %), Fisch (6 %)

Über die Jahre betrachtet blieben die meisten Selbstversorgungsgrade relativ konstant, nur Getreide, Hülsenfrüchte, Gemüse, Ölsaaten und Obst nahmen leicht ab, während Konsummilch leicht zunahm. Die Kartoffelstärke nahm von 2008 (149 %) auf 2017 (213 %) besonders stark zu.

Ist eine langfristige Versorgungsicherheit aktuell gegeben?

Die hier dargestellten Versorgungsbilanzen stellen nur ein Abbild der bisherigen Entwicklung dar. Einen Blick in mögliche zukünftige Entwicklungen gibt ein unter Leitung der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH) erstellter Forschungsbericht zur Ernährungssicherung in Österreich 2050 wieder (Leidwein, et al., 2013).

Darin werden als Hauptrisiken für die landwirtschaftliche Produktion in Österreich genannt:

Klimawandel

Importabhängigkeit

Energie: Rohöl, Diesel, Erdgas (Stickstoffdünger)

Betriebsmittel: 100 % bei Phosphatdüngern

Eiweißfuttermittel: Sojamehl & pflanzliche Fette

Argwohn gegenüber technischem Fortschritt Nichtnutzung von Ertragspotentialen und Fortschritten in der Pflanzen- und Tiergesundheit

Unkontrollierte Ausdehnung der Flächen für Biotreibstoffe und biogene Rohstoffe

Agrarpolitik Extensivierung = Nichtnutzung der Produktionspotenziale

Die Entwicklung der kleinbäuerlichen Strukturen in Kärnten

Seit Jahren kann registriert werden, dass immer mehr bäuerliche Betriebe aufgeben oder in den Nebenerwerb wechseln, was meist eine Vorstufe zur Einstellung des Betriebes darstellt. Viele Junge sehen in dieser Branche wenig Perspektiven. Viele verlassen den ländlichen Raum in Richtung Zentrum, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die Agrarstrukturerhebung 2016 weist für Kärnten 17475 land- und forstwirtschaftliche Betriebe aus. Gegenüber dem Jahr 2010 ist dies ein Minus von 4% bzw. 699 Betriebe. Dies bedeutet, dass in Kärnten über 116 Betriebe pro Jahr im Schnitt schließen. Für Österreich gesamt kann ein Minus von 11341 Betrieben oder 7% erhoben werden. Dies bedeutet ein durchschnittliches Absinken von 1890 Betrieben pro Jahr. Überwiegend handelt es sich dabei um Familienbetriebe.

Fazit

Die Selbstversorgungsgrade sind in Österreich je nach landwirtschaftlicher Produktkategorie unterschiedlich hoch und im Begriff weiter zu sinken. Bis auf Konsummilch, Rind und Schweinefleisch findet sich keine 100 % Versorgung. Dramatisch ist die Situation bei Obst (40 %) und Gemüse (56 %). Auch bei Getreide, dem Grundprodukt von Brot, ist keine Versorgungssicherheit gewährleistet. Gerade durch den Klimawandel und das Ansteigen der jährlichen Durchschnittstemperaturen könnten die Segmente Obst und Gemüse durch gewisse Maßnahmen ausgebaut werden. Gewächshäuser und moderne Wasserspeicher inklusive Bewässerungssysteme könnten ebenso vermehrt im Alpenraum eingesetzt werden. Gerade dadurch wird es möglich werden eine neue moderne, multifunktionale Landwirtschaft (siehe Weltagrarbericht) aufzubauen. Nur eine diversifizierte lokale Lebensmittelproduktion gewährleistet eine Grundversorgung der Bevölkerung.

Die nachfolgende Abbildung zeigt eine mögliche Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktion nach Produktgruppen bis 2030. Beispielsweise nimmt der Versorgungsgrad bei Rind- und Kalbfleisch um 26 Prozent ab usw. Es müsste jedoch ein umgekehrter Weg eingeschlagen werden. Die Selbstversorgungsgrade bei Obst, Gemüse und Getreide sind zu steigern. Der Klimawandel begünstigt in diesem Fall den Anbau in den Alpenregionen zunehmend.

Der ländliche Raum, der immer wieder als Problemregion und reine Kostenstelle bezeichnet wurde, könnte sich in Zukunft als wichtige Stütze der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung Österreichs in Bezug auf die lokale Lebensmittelproduktion erweisen. Die Corona Krise zeigt, dass ein hoher Selbstversorgungsgrad durchaus auch in Zeiten der Globalisierung Sinn macht. Zusätzlich könnte ein Ausbau in diese Richtung den ländlichen Raum eine Zukunftschance bieten. Diese Raumkategorie erbringt essentielle Ergänzungsfunktionen für die Zentren. Eine zukunftsorientierte Landwirtschaft orientiert sich am Modell der Multifunktionalen Landwirtschaft. Diese produziert Lebensmittel, sichert die Lebensgrundlage der Menschen und sieht sich als Teil eines schützenswerten und fragilen Ökosystems.

Wäre nicht genau jetzt der Zeitpunkt dafür, um das bisher bestehende Wirtschafts- und Versorgungssystem in Österreich kritisch zu hinterfragen?

Quelle: Arbeitspapier zur Erstellung des GAP Strategieplans für Österreich. Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus. URL: www.bmlrt.gv.at › dam › 2019_01_16_SWOT-Analyse

 

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